das velo und die mode

wollen wir wirklich, dass das velo zum modeartikel verkommt?

"wir betrachten uns als teil der modeindustrie" hat vor ein paar jahren ein werbefuzzy von shimano lauthals verkündet und jetzt haben wir den salat!

nicht nur den terror der stilpäpste haben wir nun zu ertragen, auch mehr und mehr gezielt hergestellte schlechte qualität von bauteilen:

das bild zeigt eine schale des tretlagers BB-SM52. eigentlich ist es eine gute konstruktion sie lassen aber dort, wo's wirklich drauf an kommt, einen wichtigen teil lagerfett weg - dafür tun sie dort, wo man's sieht, schönes neon-fett hin, das da aber gar nicht viel nützt. wichtig wäre, dass das eigentliche lager RANDVOLL mit fett gefüllt ist, nur das verhindert wirksam rost."DO NOT DISASSEMBLE" schreiben sie drauf, klar: sie haben was zu verstecken! das macht im übrigen nicht nur shimano so, es ist gängige praxis in der velobranche und heisst "geplante obsoleszenz" 

wenn so ein teil mal im umlauf ist, wird es kaum jemand öffnen und nachträglich korrekt fetten - keine velofabrik, kein velohändler niemand! es hält so ungefähr 2 winter, übersteht also gerade mal die garantiezeit und geht auf elende, würdelose art kaputt mit knirschen des lagers und wackeln der pedale! dann soll wohl überall wieder die kasse klingeln - am besten gleich mit einem neuem velo - das alte ist ja sowieso aus der mode.oder?

auf den punkt gebracht: "mode sorgt konsequent dafür, dass du alt aussiehst." (© velowerk)

eine weitere treibende kraft hinter dem verfall der veloqualität ist die "billig-sucht": wenn die kundschaft immer alles dort kauft, wo's am billigsten ist, und damit permanenten preisdruck erzeugt, findet die industrie wege, ihre produkte gleich mehrfach zu verkaufen. das BB-SM52 könnte - mit ein bisschen mehr fett - locker 10 jahre halten, weil die kundschaft nicht bereit ist, einen angemessenen preis dafür zu bezahlen, kriegt sie's in dieser zeitspanne halt einfach 5 mal verkauft. das ist eine gross- und klein- kapitalistische sauerei zu lasten der umwelt! durch solches verhalten gehen auch die tragenden lokalen strukturen kaputt (wenn du das nicht glaubst, mach einen ausflug nach kreuzlingen/konstanz: kreuzlingen ist tot, weil sich die kundschaft in konstanz eindeckt, wenn der markt wieder mal "dreht" kann er sich nicht nach kreuzlingen drehen, weil da nichts mehr ist.). auch im velowerk hat die billig-sucht konsequenzen: kunden mit nicht-velowerk-velos werden nicht bedient. (die meisten von der sorte wollen sowieso nur "gratis" ihre reifen aufgepumpt haben.)

wenn du genug von diesen zyklen hast, wenn für dich velofahren ein wichtiger teil deines lebens ist, komm ins velowerk, lass dir ein gut angepasstes velo bauen. da werden alle bauteile auf maximale haltbarkeit optimiert und du hast ein velo jenseits der mode - vielleicht wirst du - wenn du's schön pflegst, was auch dazu gehört, in 10 jahren gefragt, ob das neu sei und wo es die zu kaufen gebe. (ich höre das sehr oft von meinen kundinnen und kunden.)


was ebenso wichtig ist, wie die haltbarkeit deines velos, ist deine eigene haltbarkeit. die wird nämlich auch arg durch falsche velomode strapaziert "coole" eingang-velos sehen zwar nett aus, ruinieren dir aber dafür deine kniegelenke. velowerk-velos werden immer so gebaut, dass du damit vollbepackt im schritt-tempo einen ganzen pass hochfahren kannst, ohne dass dir etwas weh tut: das limit beim velofahren soll immer die "puste" sein und nicht der schmerz. gut angepasste ergonomie und eine gut abgestimmte entfaltungstabelle sind die schlüssel dazu. so manches nuklearvelo könnten wir uns und der umwelt mit guter getriebetechnologie ersparen.



befreien wir uns von der tyrannei des opa - und oma - kultes!

(eine kleine lustvolle polemik)

nichts gegen opa und oma und nichts gegen ihre velos.

omaopatransportdie waren halt so und ihre velos auch, das war der stand der kultur und der technik. dieser stand der technik ist aber ständig in bewegung, das velo wurde leistungsfähiger, komfortabler und sicherer. leider fand dieser fortschritt zum grossen teil nur im unappetitlichen sektor des radrennsports oder in der martialischen mtb-kultur statt. das mag einer der gründe sein, warum sich viele leute von gehobener velotechnik abwenden. das bringt uns aber den verlorenen seelenfrieden nicht zurück - den kriegen wir vielleicht nur wieder, wenn wir uns die spitze der technologie für einen nachhaltig gelebten modernen alltag stück für stück erobern und zu dienste machen.



wenn oma und opa weltweit als versatzstücke des gehobenen kitsch-konsums auferstehen, dann lohnt es sich, darüber nachzudenken, was das soll.

kommentarewas transportiert das hier abgebildete opa-tandem ausser 2 netten jungen frauen in miserabler velo-haltung? eine ganze menge:


dieses plakat ist nicht das einzige seiner art und es gibt einen regelrechten retro-kult, der in die gleiche richtung geht:

kurz nach dem 2008-er wirtschaftscrash wurden - nach "tweed run"-vorbild - weltweit retro-events abgehalten. zunächst "spontan" mehr und mehr aber fest im griff einer schlagkräftigen retro-kitsch-industrie, mittlerweile auch in servela-zürich als gentlemen's run.
tweed runpotokyolondongrlauren
typisches werbematerial aus der retro-kitsch-szene


es wird behauptet, dass es da um "fun" und ums "posieren" gehe, meiner meinung nach geht es aber um etwas ganz anderes: um die produktion des flexiblen menschen!

für diese these sprechen:


das vintage-rollmaterial:guvnormuffegabelbruch

das leitfossil der vintage-fahrzeugflotte ist das "pashley guv'nor", ein 28"-spiesser-velo aus den 1930-er-jahren, schludrig nachgebaut mit primitiver löttechnik und billigkomponenten, aber - mundus vult decipi - zu einem sehr stolzen preis im handel. detail: die muffe ist aus billigem blech, schludrig mit messing zusammengelötet. das muss man - materialbedingt - mit 900°C machen, was die rohre ausglüht und ab werk kaputtmacht. minderwertiges löthandwerk erkennst du - unter anderem - daran, dass das lot nicht unter der ganzen muffe abgebunden hat, die spitzen der blechmuffe sind trocken und hängen in der luft! anständige rahmen werden mit silberlot um 600°C gebaut. die gabel dieses velos hat eine blechbrücke, die neigen immer mal wieder dazu, einfach das gabelschaftrohr zu verlieren.


die ausstattung:

bagskorbalki-bikeein gepäck-konzept gibt es bei den vintage-velos nicht, ausnahme: für schnapsflaschen! lieblingstransportarten sind tragen am körper oder an die lenkstange gehängte gepäckstücke. schutzbleche sind verpönt, beleuchtungsanlagen ebenfalls. schaltung gilt als uncool. für's abschliessen gibt's auch keine schlaue lösung. rudimentäre bremsen sind aber meistens doch vorhanden.diese merkmale machen das retro-velo zu einem künstlich verkrüppelten vehikel, das bei ernsthafter nutzung sofort überfordert ist.

diese vintage-velos sind fahrzeuge für hühnerbrüstige muttersöhnchen: du kannst damit nicht einmal selber dein klopapier nach hause fahren oder eine kiste rioja - aber das macht ja sowieso mutti mit dem suv.


geht es dieser bewegung vielleicht gar darum, das velo aus dem alltagsverkehr zu verdrängen - wirklich gut etabliert war es da ja nie - indem man es technisch unbrauchbar stylt und damit köpfe, budgets und garagen zumüllt?


wie weiter oben bereits gesagt: oma und opa hatten - und wussten - noch nichts besseres. wir sind aber hier auf diesem planeten nicht um als oma und opa zu posieren oder uns zu stylen sondern um unsere eigenen talente fruchtbar zu entfalten. sonst hat doch max frisch 1986 recht gehabt:

"Am Ende der Aufklärung steht nicht der mündige Mensch sondern das goldene Kalb."



was du auch noch wissen solltest, bevor du an so einen retro-kitsch-event gehst: hier in der schweiz reden sie nie klartext mit dir sondern subtext:

raphakrasnozitat aus der 2012-er einladung zum gentleman's run:

"was?
der gentlemen’s run ist eine unpolitische parade von gut gekleideten menschen, die während ein paar stunden mit ihresgleichen die freie, entspannte art urbaner mobilität zelebrieren wollen. es geht weder um tempo noch um kilometer, sondern um eleganz, individualität und stil."

heisst im klartext:

"das ist ein nzz-marschbefehl: wenn du deinen arbeitsplatz behalten willst, hast du zu dieser parade (das ist noch der alte frenkel-sound!) anzutreten. zu denken hast du dabei gar nichts, die deutungshoheit haben WIR! für dein clown-outfit hast du mindestens CHF. 5'000 zu investieren (velo und visagistin nicht eingerechnet). wage ja nicht, mit einem e-bike oder einer japanischen quarzuhr hier aufzukreuzen, sonst bist du frei zum abschuss!"



warum sie "der flexible mensch" lesen sollten

"karriere" bedeutete ursprünglich: straße für kutschen, und "job" galt im englischen des 14. jahrhunderts als klumpen oder stückgut, das man herumschieben konnte. beide wörter entfalten vor dem hintergrund der heutigen ökonomie eine bedeutung, die fast zynisch ist: wir leben für die karriere, können dabei aber beliebig hin und her geschoben werden, wie es den auftrag- oder arbeitgebern gerade passt. das zauberwort, dass diesen eigentlich menschenunwürdigen zustand treffend charakterisiert und gleichzeitig beschönigt, ist: flexibilität. der amerikanische soziologe richard sennett zeigt in seinem langen, aber keinesfalls langweiligen essay, wie die doktrin der flexibilität das menschliche zusammenleben und die menschliche lebensplanung immer weiter zersetzt. diese zersetzung nennt er "drift": wir treiben durch unser arbeitsleben wie tagelöhner, heute hier, morgen da, und wissen nicht, was die zukunft bringt. auf lösungen kommt es sennett nicht so sehr an: er ist nur beobachter, aber ein eindringlicher, brillanter und auch unterhaltsamer. an einigen stellen geht der soziologe mit ihm durch, aber ansonsten ist das buch wunderbar leicht und flüssig zu lesen. lesenswert für alle, die sich für die sozialen auswirkungen des heutigen kapitalismus interessieren.

über den autor

richard sennett, geboren 1943, lehrt soziologie und geschichte in new york und london. er hat eine reihe kulturhistorischer bücher verfasst und ist auch mitautor des buches die wirtschaft in der gesellschaft.


siegfried kracauer: die angestellten

die angestellten fand als erste empirisch-soziologische studie in deutschland große beachtung und wurde breit rezensiert. kurt tucholsky schätzte sie als erstklassiges wissenschaftliches erzeugnis: „statt dessen lest lieber die gerade aufsehenerregende serie kracauers in der frankfurter zeitung: die angestellten, ein breit angelegter versuch einer wahrhaft modernen soziologie. ein schritt in unbebautes neuland, von bestem instinkt geleitet“ (kurt tucholsky: auf dem nachttisch). während das werk von der demokratischen öffentlichkeit als konstruktiver beitrag zur debatte aufgenommen wurde, gab es seitens der rechtsextremen hugenbergpresse wüste antisemitische angriffe, und im mai 1933 gehörte es zu den schriften, die die nationalsozialisten bei der bücherverbrennung am 10. mai 1933 öffentlich verbrannten.[11] „die monographie über die angestellten markiert in siegfried kracauers publizistischem werk den höhepunkt seines ab mitte der zwanziger jahre vollzogenen überganges von einer philosophisch deutenden kulturkritik zu einer lebensweltlich und alltagssoziologisch orientierten beobachtung und analyse moderner kulturphänomene.“[12]